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"Darunter 3 Deutsche..." - Wie Gleichgültigkeit und Angst uns die Freiheit kosten

Schon als Kind fand der Autor die Formulierung in Beiträgen innerhalb von Nachrichtensendungen wie der Tagesschau "darunter x Deutsche" befremdlich. In seiner kindlichen Naivität ging er doch tatsächlich davon aus, dass es nicht darauf ankomme welcher Nationalität die Opfer von Katastrophen oder Straftaten seien.

 

Dass dem nicht so ist, ist überall zu sehen und zu spüren.

 

Doch nicht nur das. Auch unterhalb der Grenze einer nationalen Zugehörigkeit machen wir erhebliche Unterschiede. So ging im Zuge des G 20 Gipfels in Hamburg ein Aufschrei durch die Bevölkerung. In einigen sozialen Medien wurde von Einzelnen sogar die Todesstrafe für Sachbeschädigung gefordert. Mehr oder minder bekannte Personen der Popkultur, wie der DJ(?) und Schauspieler(?) Jan Leyk riefen zur Selbstjustiz auf (Bericht der Huffington Post vom 07.07.2017, hier abrufbar).

 

Verhungern tausende Menschen täglich in Krisengebieten oder ertrinken Flüchtlinge zu Hunderten im Mittelmeer, regt sich außer ein paar Idealisten nicht sehr viel. Auch Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Asylbewerberheime führten nicht zu einem Aufschrei oder auch nur zu einer deutlichen gesellschaftlichen Ächtung.

 

Vielleicht hat Marc-Uwe Kling Recht, wenn er seine Charaktere in der Känguru-Offenbarung den folgenden Dialog führen lässt:

 

"Ein extrem wichtiges Thema. Ich sage Ihnen ganz ehrlich: Ob Links-oder Rechtsextremismus – da sehe ich keinen Unterschied." 

 

"Doch, doch", ruft das Känguru laut dazwischen. "Es gibt einen Unterschied. Die einen zünden Ausländer an, die anderen Autos. Und Autos anzünden ist schlimmer. Denn es hätte mein Auto sein können. Ausländer besitze ich keine."

 

Das Phänomen sich nicht um die Rechte Anderer zu kümmern und zu denken, dass es einen selbst nicht treffen könne, ist nicht neu. Schon zu Zeiten des Nationalsozialismus ermöglichte erst die Gleichgültigkeit der Massen den Massenmord. Auch hier findet sich ein bekanntes Zitat, in diesem Fall vom evangelischen Theologen Martin Niemöller:

 

"Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist. Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat. Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen, ich war ja kein Gewerkschafter. Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte." 

 

Dieser Ansatz ist derzeit insbesondere in der Innenpolitik populär. Wir sind bereit beinahe alle unsere Rechte, alles was unsere freiheitlich demokratische Grundordnung ausmacht, aufzugeben für das Gefühl von Sicherheit. Kritik gegenüber dem Staat und seinen Exekutivorganen ist verpönt, immer schneller treiben wir den Gesetzgeber voran ihnen neue Befugnisse einzuräumen.

 

Datenschutz? Doch nicht für Terroristen. Grundrechte? Es sind doch nur Ausländer oder Chaoten.

 

Als Strafverteidiger erlebt der Autor des Öfteren Vergleichbares. 

 

Wer zur Polizei geladen wird, wird auch etwas verbrochen haben. Wer verhaftet wird, erst recht. Er braucht dann keine Rechte, keinen "Rechtsverdreher", der ihn "raushaut".

 

Nur wenn man selbst -natürlich völlig zu Unrecht- in das Visier der Ermittlungsbehörden gerät und staatliche Repression am eigenen Leib erfährt, ist das anders.

 

In Grenzen ist dieses Verhalten menschlich und auch der Autor kann sich hiervon nicht gänzlich freisprechen. Allerdings macht, wie alte Chemielehrer zu sagen pflegen, die Dosis das Gift.

 

Wenn schon die Regierung keinerlei Störgefühl mehr dabei empfindet, zu Zwecken der Anerkennung Strafrahmen anzuheben ohne dass dies einen sachlichen Zweck erfüllt (hier finden Sie weitere Informationen), Bayern eine quasi unendliche "Vorbeugehaft" (hier geht zu dem entsprechenden Beitrag) in das Gesetz aufnimmt und die faktische Aufhebung des Bankgeheimnisses allenfalls eine Randnotiz in Fachzeitschriften ist, werden die Dinge schief laufen.

 

Denn diese Änderungen und Rechtsverluste betreffen eben nicht "nur" Ausländer, Muslime, Kinder, Männer, Rentner, Prostituierte oder eine andere bestimmte Gruppe sondern jedermann. Man mag sich nicht zugehörig fühlen, ist es aber in jedem Fall. Und spürt man die erste Veränderung nicht, ist es nur eine Frage der Zeit, bis dies der Fall ist. Wenn beispielsweise Diebstahl oder Graffittis sprühen -wie gewünscht- mit dem Abhacken der Hand bestraft wird, kann es nun mal auch der eigene Sohn oder die eigene Tochter sein, der dies widerfährt.

 

Am Ende leben wir in einem autoritären Staat, den -wieder- keiner wollte und löffeln die Suppe der Dummen, Unvernünftigen und Aggressiven aus. Hoffen wir, dass sich der Autor irrt.

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